Mischpoke e.V. sucht leer stehende Gebäude, um Kunst auszustellen.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Freunde,
es ist mir ein Vergnügen, die Ausstellung „OPUS ZEHN“ des Kunstvereins Mischpoke e.V. hier in den Räumen einer ehemaligen Anwaltskanzlei an der Beethovenstraße in zu eröffnen.
Für den Fall, dass Sie nicht zu denjenigen gehören, die das Konzept des Kunstvereins kennen und sich fragen sollten, was ein Mönchengladbacher Kunstverein in Düsseldorf macht, so ist das schnell erklärt. Es hat außerdem den Vorteil, dass ich dann gleich mitten im Thema dieser Ausstellung wäre.
Die Sache ist nämlich so: Wir, d.h. die Künstler Wolfgang Hahn, Alexander Hermanns, Taka Kagitomi und Heiko Räpple, die Rechtsanwältin Denise Mungan, der Fotograf Stefan Sturm, der Designer Philipp Königs und die Kunsthistorikerin Ulrike Lua, das bin ich, organisieren einen Kunstverein ohne eigene Räume. Das bedeutet, dass wir kontinuierlich auf der Suche nach Orten sind, an denen eine Ausstellung stattfinden kann.
Offen für alles, was irgendwie interessant sein könnte, ergaben sich im Laufe der letzten Jahre eine ganze Reihe von Ausstellungen an den unterschiedlichsten Orten, von denen „22 Fachgeschäfte“ (22 Ladenlokale einer inzwischen nicht mehr existierenden Ladenpassage in Mönchengladbach), „Hin und Weg“ ( ein Pfingstwochenende auf einer Duisburger Baustelle) und „Refugium“ (eine Ausstellung in den seit Jahrzehnten leerstehenden Verwaltungsräumen des alten Museums auf der Bismarckstraße in Mönchengladbach) neben „The Castle of Diszipline“ im ehemaligen van Laack Gebäude, einer Ausstellung auf rund 3500 m², an der 40 (!) Künstlerinnen und Künstler teilnahmen, vielleicht zu meinen Favouriten zählen.
In diesem Fall nun fand der Ort uns, hatten wir doch eigentlich vor, das erste Jubiläum in Mönchengladbach zu feiern. Aber: 120 Quadratmeter in Flingern, acht Zimmer, Erdgeschoss, Zustand: renovierungsbedürftig – das hörte sich zu gut an, um ignoriert zu werden, und das fanden wohl auch Marie Cantillon (Düsseldorf), Pierre-Charles Flipo (Düsseldorf), Simone Häfele (Karlsruhe), Ralf Janowski (Krefeld), Dirk Loiberzeder (Düsseldorf), Agnieszka Piksa (Krakau), Thomas Straub (Köln) und Jessica Twitchell (Köln), um deren Arbeiten es heute hier geht. Gehört es doch ebenso zu unserem Konzept, jeweils mehrere Künstler zu präsentieren, die sich häufig vorher noch nicht kannten oder zumindest noch nicht zusammen ausgestellt haben.
Fände sich jemand, der unser Konzept verschriftlichte, so klänge das vermutlich wie experimentelle Chemie bzw. eher noch wie Hexenwerk: Man nehme unbekannte, aber spannende Räume, interessante Künstlerinnen und Künstler jeglichen Alters und jeglicher Richtung (einziges Kriterium: überzeugende Arbeiten / Qualität), einen viel zu knappen Zeitraum für Planung und Realisation, und voilá: Etwas Neues entsteht.
Welches Wagnis dies jedesmal bedeutet und welches Risiko auch die Künstler eingehen (und wie schön das ist, wenn es funktioniert!) illustriert ein Brief von Simone Häfele, den sie dem Kunstverein am Montag schrieb. Darin heißt es „[… ] ich wurde von euch eingeladen, meine Arbeiten an einem Ort zu zeigen, den ich bislang nicht kannte. Dafür male ich euch Orte, die ihr bislang nicht kanntet. Ich male euch Orte, in denen Versatzstücke sichtbar werden, die Grundlage meiner Arbeit sind.“ (Ich zitiere hier nur die ersten drei Sätze. Wer weiter lesen möchte, nehme sich einfach eines der Druckexemplare. Sie liegen (bei den Portfolien) aus.).
Der Ort, auch in diesem Fall eine Wohnung ohne jeglichen repräsentativen Charakter, deren vormalige Nutzung noch an Restmobiliar, vor allem aber an den Spuren auf den Böden, an Wänden und Decke ablesbar erscheint, ist von großer Bedeutung.
Fast alle Künstler greifen diese Spuren auf, nutzen den „situativen Kontext“, der so ganz anders als in einem „white cube“ bereits Geschichten erzählt, und beziehen ihn in die Deutungsmöglichkeiten ihrer Arbeiten ein. Das funktioniert nicht immer so explizit wie bei Simone Häfele, deren malerische Auseinandersetzung mit – im weitesten Sinne – biographischen Orten und den Möglichkeiten der Rezeption von Malerei im Allgemeinen hier wie zufällig auf Räume trifft, die so ausgesprochen „biographie-haltig“ sind, dass man fast meint, ein Leben in diesen Räumen (re)konstruieren zu können. Oder so augenfällig wie bei Dirk Loiberzeder, dessen Verfahren darin besteht, farbiges Papier gezielt von der Sonne bleichen zu lassen, so dass über Abstufungen der Bleichstärke verschiedene Farbnuancen und Helligkeitswerte entstehen - der also das gleiche Prinzip nutzt, das dazu führte, dass in dem „Kabinett“, in dem seine Arbeiten hängen, die einmal über einen langen Zeitraum von Bildern bedeckten Flächen sichtbar sind.
Es kann, wie bei Agnieszka Piksa, auch darin bestehen, dass ein Detail der Wohnungseinrichtung den Anlass gab, eine Arbeit zu realisieren, die es vorher nicht gab. Ausschlaggebend waren hier die kleinen Scheiben der versenkbaren Türen zwischen den beiden großen Zimmern nach vorn, die mit ihrem Facettenschliff und dem wunderbaren Eisblumendekor zunächst den Gedanken auslösten, eine Zeichnung auf Glas anfertigen zu wollen. In der Ausführung (auf einem - freundlich formuliert – ausgemusterten, jetzt quasi „recycelten“ Trägerglas mit Spuren von Silikon aus einer ehemals anders gearteten Verwendung) durchaus „rough“ zu nennen, nimmt sie darüber hinaus Bezug auf den derzeitigen Zustand der Ausstellungsräume. Das, was sie in den vier Zeichnungen auf Glas erzählt, hat mit Erinnerungen und biographischen Details zu tun, während in den Arbeiten Loiberzeders, die motivisch völlig anders geartet sind, Zeit und Dauer selbst Bestandteil sind.
Thomas Straub geht einen anderen Weg: Seine Installation aus deckenhohen Aluminiumstativen mit Leuchtstoffröhren lässt an einen Fund- oder gar Tatort denken, der zwecks genauerer Untersuchung durch die Stativfüße abgesperrt und von oben beleuchtet erscheint. Die Frage, ob es dort etwas zu sehen - zu erkennen - gibt, etwas, das nur derjenige zu sehen vermag, der sich auf das Gedankenspiel einlässt, oder ob es nicht doch „nur“ um das geht, was tatsächlich zu sehen ist – Raum im Raum, abgegrenzt und doch offen, Licht und Schatten, Material, um Linien und Reflektionen, erscheint müßig.
Noch anders verfährt Jessica Twitchell, die einerseits die Wohnung selbst in Besitz zu nehmen scheint, indem sie „tapeziert“ und damit etwas tut, was für die meisten Menschen das ist, was zu tun ist, wenn eine Wohnung bezogen wird. Zugleich holt sie das „Draußen“ in die Wohnung hinein, denn präziser formuliert plakatiert sie eher, als dass sie tapeziert. Auf DinA 3 Format gebrachte (Detail)Aufnahmen ihrer Arbeiten, versetzt und wandfüllend aufgebracht, erinnern hier durchaus auch an die massenhafte Plakatierung von Werbeplakaten, wie sie an Betonwänden im Außenraum, unter Brücken oder an Bushaltestellen zu finden sind. Dass sie ein T-shirt, bedruckt mit dem gleichen Motiv, mitbrachte, das nun in einem der hinteren Zimmer hängt, stellt einen weiteren Bezug zu den Spuren des Lebens in diesen Räumen her. Im Eingangsbereich hing nämlich offensichtlich jahrzehntelang eine Garderobe, an der die Schatten der Mäntel, die dort hingen, diese selbst noch abzubilden schienen. Dass diese für Sie nun nicht mehr zu sehen sind, ist einerseits schade, illustriert andererseits jedoch ganz wunderbar, dass die Dinge nicht unbedingt verschwinden, wenn wir sie nicht mehr sehen können. Es zeigt außerdem, dass sie, selbst wenn sie verschwinden, nicht wirklich fort sind …
Doch zurück zu dem, was gerade jetzt da ist: Wie Jessica Twitchell holt auch Ralf Janowski mit seinen Fotografien ein zunächst nicht weiter spezifiziertes Draußen in die Wohnung hinein.
Die sechs Abzüge verschiedener „Landschaften“ füllen eine ganze Wand. Sie sind von durchschnittlicher Größe (sozusagen ein Allerweltsformat), dass ihrem Allerweltsmotiv entspricht. Der subtile Schrecken dieser banalen, anonymen Geländeformationen, die uns praktisch überall begegnen können – ich bin sicher, sie existieren auch nicht weit von hier, so sehr sind sie inzwischen Teil unserer ausufernden Bebauung – vermittelt sich erst bei genauerem Hinsehen.
Menschenleer, unbeobachtet, „verwahrlost“: Orte, an denen sich ein unspezifisches Grauen einstellt, deren unterschwellig vorhandene Agression nicht den Naturgewalten zuzuschreiben, sondern Mensch-gemacht ist. Trampelpfade als Spuren wiederkehrender Nutzung abseits der dafür vorgesehenen Wege implizieren eine Inbesitznahme jenseits des Erlaubten und evozieren die Vorstellung von Orten, an denen grausige Funde denkbar sind (womit wir dann wieder bei der Installation von Thomas Straub wären).
Die beiden kleinen Fotografien Janowskis auf der gegenüberliegenden Wand, die links einen Baumstamm mit rot-weiß-gestreiftem Absperrband und rechts eine dunkelgrüne Parkbank zeigen, auf die jemand zwecks bequemeren oder wärmeren (vermutlich längeren) Sitzens eine Sitzunterlage drapierte, illustriert ein weit verbreitetes Interesse an Fundorten und den Dingen, die dort passieren oder passiert sind. Sie schlagen einen Bogen zu den Arbeiten Loiberzeders, in denen der Voyeurismus ebenfalls eine Rolle spielt.
Bleiben die beiden Bildhauer Marie Cantillon und Pierre-Charles Flipo, deren Arbeiten ohne Raum nicht denkbar wären, gehören Raum und Umraum, Positiv- und Negativform wie Oberfläche, Volumen und Material doch zu den Wesensmerkmalen der Bildhauerei. Cantillons Arbeit im Eingangsbereich der Wohnung, bestehend aus einer Art Sockel in Form eines kleinen Tisches aus Kistensperrholz, zwei baumkuchenartigen Hohlformen aus Papiercacheè (?) und quer dazu gelagerter Passage, lässt den Betrachter an eine Art Wiedermöblierung denken, ein Gedanke, der so in anderen Ausstellungsräumen eher nicht aufkäme. Eine zweite Arbeit aus Kistensperrholz, Kanthölzern und weißem Tuch illustriert weniger das Innen und Außen oder auch einen Übergang (alles Dinge, die mit Behausung im weitesten Sinne zu assoziieren sind), sondern vermittelt allereinfachste Prinzipien des Stehens und Stützens – so, wie sie in jedem Bauwerk zu finden sind.
Pierre-Charles Flipo schließlich schuf mit der Tonarbeit im linken Erkerzimmer eine Arbeit genau für diesen Ort, in dem er feuchten Ton auf einen quadratischen, 90x90 cm großen Schwamm auftrug. Durch das „Wasserbecken“ in der Mitte der Tonplatte bleibt die Arbeit in einem Zustand der Spannung zwischen feucht und trocken. Ob und wie sich die Arbeit im Verlauf der Ausstellung verändern wird, bleibt abzuwarten; sicher ist, dass es sich um eine Arbeit handelt, die so nur hier zu sehen sein wird, ist doch davon auszugehen, dass eine Ortsveränderung automatisch zu ihrer Zerstörung führt. Sicher ist auch, dass sie extrem empfindlich ist – weshalb ich Sie bitten muss, sie nicht anzufassen, so sehr das Material auch dazu verlocken mag.
Was er allerdings nach Ende der Ausstellung wieder mitnehmen wird – es sei denn, Sie kaufen sie – ist die Arbeit “Far West II”, ein Bitumendruck auf Papier, den ich persönlich ganz großartig finde. Zu erklären, wie er hergestellt wurde, würde jetzt zu lange dauern, da ich Ihnen auch noch erzählen muss, dass der Kunstverein Mischpoke zu (beinahe) jeder Ausstellung eine Tombola veranstaltet, bei der jeweils mindestens eine Arbeit eines der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen verlost wird. Diesmal haben wir uns für die Arbeit von Agnieszka Piksa entschieden. Lose kriegen Sie bei uns für 5 Euro das Stück; Ziehung ist zur Finissage am 1.2. um 16 Uhr, und der Gewinner/die Gewinnerin wird telefonisch benachrichtigt, sollte er/sie die Ziehung nicht live verfolgt haben.
Außerdem wollte ich Sie auf die Ausstellungseröffnung von Gil Shachar im SPAM Contemporary auf der Flurstraße heute abend hinweisen. Gil Shachar war in Duisburg auf der Baustelle dabei, und wenn es eine Sache gibt, die uns noch wichtig ist und die ich weiter oben vergessen habe, dann sind das Beziehungen – oder Netzwerke.
Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.
Ulrike Lua

Künstler
Marie Cantillon (Düsseldorf), Pierre-Charles Flipo (Düsseldorf), Simone Häfele (Karlsruhe), Ralf Janowski (Krefeld), Dirk Loiberzeder (Düsseldorf), Agnieszka Piksa (Krakau), Thomas Straub (Köln) und Jessica Twitchell (Köln)
Vernissage
Freitag, 16. Januar 2015, 19 Uhr
Einführung 20 Uhr (Ulrike Lua)
Finissage
Sonntag, 1. Februar 2015, 15 Uhr
Öffnungszeiten und Führungen
Am 17., 18., 24., 25. und 31. Januar ist die Ausstellung von 13–17 Uhr geöffnet. Eine Führung findet jeweils um 15 Uhr statt.
Adresse und Anfahrt
Beethovenstraße 33
40233 Düsseldorf
Mischpoke e.V. dankt:
Laden